Mobil sein - nach und auf Sardinien...

  Klicken Sie auf die Karte...



Ein Produkt von:
Reiseberichte :: Motorradtour
Aktivurlaub  |  Hochzeit  |  Motorradtouren  |  Rundreisen: im Frühling | im Sommer | im Herbst | im Winter  |  Tierisches  |
alle im Überblick  |
Enduro






 
Sardinien 2006 – Biker’s und Rider’s Paradise
10 Tage im September

Arnd Motzkus - Deutschland

Alghero - Tempio - Porto Rotondo - Arbatax/Tortoli - Muravera -Villasimius - Orroli - Santa-Lussurgiu - Bosa - Alghero
..........................................................................................................
Wer in diesem Reisebericht nach touristischen Tipps sucht, wird nicht fündig werden, es ist ein Erfahrungs- und Erlebnisbericht über meine eine erste große Rundreise mit dem Bike, 2000 km in 10 Tagen. Ich habe Sardinien mit dem Motorrad alleine bereist, um sich unabhängig und frei der vollkommenen Schönheit dieser Insel zu öffnen, ich konnte vor allem von den einsamen Küsten- und Bergstraßen in einer perfekt inszenierten Topographie nicht genug bekommen, aber letztlich machen die Gegensätze zwischen den touristischen Küstenorten der Costa Smeralda und den einsamen Bergdörfern des Monti del Gennargentu den eigentlichen Reiz Sardiniens aus....

Warum eigentlich Sardinien? Wie oft habe ich letztes Jahr das Kartenmaterial studiert, verschiedene Touren ausgearbeitet, Fahrpläne der Autozüge und Fähren besorgt und zahlreiche Vermieter kontaktiert. Dolomiten, Tessin, die Kanaren, Korsika, Toskana, viele Ziele standen auf meiner Wunschliste, doch die Entscheidung fiel auf die große Insel im Mittelmeer. Es war die richtige Entscheidung, ein Kurvenparadies für den motorisierten Rider. Doch beginnen wir von vorne.
Gallura
Doch beginnen wir von vorne. Ich hatte 10 Tage für meine Rundtour Ende September, zu wenig um mit meiner Harley Davidson 1200er Sportster den langen und kalten Weg von Köln über die Alpen nach Genua oder Livorno anzutreten, auch die Autozüge der DB AG kamen nicht in Frage, da die Reisezeiten der Bahn und die Fährzeiten nicht aufeinander abgestimmt sind. 4 Tage bzw. Nächte für Hin- und Rückreise wollte ich zu Lasten der Inseltour nicht opfern. Eine Stunde „googeln“ und schon spuckte mir das Internet zahlreiche Vermieter aus. Ich entschied mich für eine deutsche Enduro-Vermietung in Alghero, da der Flug mit Ryanair von Frankfurt/Hahn nach Alghero die billigste Option war.
Nach entspanntem Flug nahm ich die Honda Transalp in Empfang. Der erste Tag ging von Alghero über Porto Torres, Castelsardo, Isola Rossa nach Tempio Pausania. 150 km feinster Küstenstraßen, um mich mit dem Motorrad anzufreunden.
„Die Nacht der langen Messer und der Tag der scharfen Kurven“
Der zweite Tag führte 200km durch die Gallura nach Porto Rotondo (Tempio-Oschiri, Tula, Erula, Perfugas, Tempio, Calangianus, Olbia, Porto Rotondo). In der Nacht wütete ein Gewitter über Tempio, das mir den Schlaf raubte. Auch die Regengüsse am Tag stellte mich des Öfteren auf eine Geduldsprobe, die 20km lange Fahrt im Nebel auf den 1359m hohen Monte Limbara erforderte höchste Konzentration. 50 Spitzkehren, unzählige Serpentinen und Rampen wie man sie nur von Alpe d’Huez kennt, die ich nur genießen durfte, weil wegen des schlechten Wetters zahlreiche Touristen den Ausflug auf einen der attraktivsten Aussichtspunkte Sardiniens gemieden hatten. Ein kleines Stoßgebet für trockenes Wetter und sichere Fahrt in der Madonna delle Neve und schon ging es bergab.
Die Sonne blitzelte durch die wolkenverhangenen Wälder, die Straße trocknete ab und zum ersten Mal erfuhr ich, warum ich nach Sardinien gefahren bin: Kurven und Kehren ohne Ende, gepaart mit einem fantastischen Ausblick auf den Lago del Coghinas, keine einzige Begegnung mit einem Fahrzeug oder Motorrad, die totale Einsamkeit, nur du, die Straße und dein Motorrad, das ich zum ersten Mal forderte. Die Beschleunigung der Transalp war doch besser als der optische Eindruck vermittelte und auch die Bremsen verrichteten einen guten Dienst, doch den letzten Bremsmeter wollte ich trotz des guten Asphaltgrips dann doch noch nicht ausspielen.
Eigentlich sollte die Tour über Chiaramonti führen, doch das am Horizont aufkommende Gewitter zwang mich, die Bergstraße nach Erula zu nehmen. Die Natur hatte mir unverhofft den richtigen Weg gewiesen: Ein Kurvenspass erster Güte, im Rückspiegel der Lago del Coghinas, Fahrerherz was willst du mehr. Ich floh vor dem anstürmenden Regen nach Tempio in die wirklich traumhaften Gassen des großen Bergdorfs der Gallura und nach einer kurzen Rast ging es dann Richtung Olbia in wärmere Küstenregionen. Doch Vorsicht war geboten, die Straße war sehr nass, kleine Nadelstiche auf der Gesichtshaut waren wie eine Tempomat, dann endlich der Golfo Aranci bei Olbia, es roch nach Rosmarin und Thymian und der Magen begann zu knurren.
Das am Golfo Marinella gelegene Domino Inn Sporting Palumbazza nahe bei Porto Rotondo gelegene Hotel war eine große Entschädigung für die herrlichen Strapazen des Tages. Das Zimmer hatte Terrasse mit freiem Meerblick, das Rauschen des smaragdgrünen Meeres wirkte wie eine Entspannungsmusik während einer Massage. Trotz Schauer ein perfekter Ride, der mit großer Vorfreude auf das Menü des Hotels und auf den nächsten Tag an der Costa Smeralda endete.
„Gottes Paradies“
Costa Smeralda
Es sollte eigentlich ein ruhiger Tag werden. Morgens ein wenig entlang der Costa Smeralda cruisen, ein Sonnenbad nehmen und nachmittags die Vorzüge und den Luxus des Hotels genießen. „Pack die Badehose ein“, lautete das Tagesmotto. Mitnichten, nach einem fantastischen Sonnenaufgang über der Bucht von Marinella zogen schon bald die ersten Regenwolken heran. Trotzdem setzte ich in Palau mit der Fähre auf die Isola Maddalena über. Zuvor hatte ich noch eine Oldtimer-Ausstellung im Hafen von Porto Cervo besucht. Auch wenn die Transalp schon ein Klassiker ist, eine Rarität wie ein Porsche...wird sie nie.
Isola La Maddalena ist Klein-Sardinien. Die Menschen sind noch gastfreundlicher, die Buchten noch schöner, die Straßen, insbesondere die Strada Panoramica perfekt inszeniert, die Karibik Europas. Die Isola La Maddalena könnte Gott als Vorbild für die große Schwester gedient haben, dachte ich. Diese kleine Insel sollte zum Weltkulturerbe der Unesco ernannt werden. Viele der kleinen, wunderschönen Strände erreicht man nur über eine Piste. Nach einem erneuten „Regenbad“, diesmal aber im Meer, gesellten sich zwei Wildschweine zu mir, die sich an den Essensresten der Hochsaison erfreuten.
Der Rest ist schnell erklärt. Die Rückfahrt über Arzachena ist ein Traum: Die Straßen schlingen sich durchs Gebirge wie eine Schlange im Sand. Keine Geraden, so dass der Werkverkehr auf stark frequentierten Straßen kaum gefahrenlos überholt werden kann. Gut behütet im feinen Hotel nach 7 Stunden im Sattel, wieder ein Ritt der Extraklasse. Der in Porto Rotondo geplante Besuch der zahlreichen Grillrestaurants und Bars wurde kurzer Hand wegen zu vieler Belohnungs- und Entspannungsbiere abgesagt und musste dem tollen 5-Gänge-Menü des Hotels weichen.
„Die SS 125: Traumstraße Europas"
Blick auf die Insel Tavolara
War die Tour von Porto Rotondo über Olbia, San Teodoro, Dorgalo, Braunai nach Tortoli/Arbatax schon die Königsetappe? Um 7 Uhr wurde ich vom Sonnenaufgang geweckt, es sollte der erste schöne Tag werden. Das Bilderbuchwetter lud zu einem Photoshooting an einen der herrlichen Traumstrände der Ostküste ein. Dies hätte fast das Aus bedeutet. Unter den wütenden Protesten der plötzlich auftauchenden Carabineris konnte ich nach mehrfachen „Scusi“, „Scusi“ meine Fahrt fortsetzen. Zwischen Siniscola und Orosei schießen wir ausnahmsweise mal über lange Geraden, das letzte Mal für lange Zeit; ich nehme die Beine hoch und lasse mich von der eindrucksvollen Landschaft betören, bevor das Fest der Sinne beginnen sollte.
Nach Dorgali hinter dem Tunnel ging es auf die Achterbahn der abenteuerlich steilen und kurvigen Straße nach Cala Gonono. Ein absolutes Highlight und ein Muss für die Schräglagen-Fraktion. Oft tragen junge Ducati-Fahrer hier ihre Rennen aus, aber an jenem Tag hatte ich absolut freie Fahrt. Oben angekommen traf ich nach 800 km die ersten Motorradfahrer: 3 Karlsruher auf ihren alten BMW-Reiseenduros .
Ein kurzer Plausch und meine ungeduldige Vorfreude trieb mich auf die Traumstraße Europas, die SS 125 über das Gebirgsmassiv des Gennargentu. Ein atemberaubender Turn mit einem einzigartigen Panorama zwischen tiefen Schluchten, spitzen Türmen und hohen Felswänden. Nach dem Adrenalin-Kick sollte man sich unbedingt nach der Passhöhe Genna Cruxi direkt rechts einen kleinen Abstecher über die alte Passstrasse nach Talana gönnen, auch wenn wertvolle Zeit nach 250km verloren geht.
So gewinnt man einen ersten Eindruck von dem Bauernleben des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, hier ist die Zeit stehen geblieben. Die damaligen Dorfclans haben sich oft vor der italienischen Regierung in dem unzugänglichen Gebirgsmassiv des Gennargentu versteckt, um ihre Fehden und Blutrachen auszutragen und die Ehre der Familie zu retten. Noch heute kreuzen Schweine, Ziegen, Schafe und Kühe die mit Schlaglöchern durchsetzte Straße. Dieses Hochplateau ist wie eine Mondlandschaft, immer wieder findet man neue abzweigende Schotterpisten, die für Enduro-Freaks das Paradies auf Erden sein dürften.
Langsam wird mir dann doch ein wenig mulmig und es geht zurück auf die Passstraße der Neuzeit, die in eine scheinbar endlose Tiefe über Baunai nach Tortoli führt. Es bleibt kaum Zeit, mal einen Blick jenseits der Straße zu riskieren, die zahlreichen Kurven und Serpentinen fordern höchste Konzentration und verlangen alles ab, man fährt sich in den totalen Rausch. Auf Meereshöhenniveau wieder angekommen, holt einen die mit Dieselabgasen beladene Luft bei Tortoli/Arbatax zurück in die Realität.
In dem schönen Hotel Vecchio Mulino forderte der anstrengende und erlebnisreiche Tag seinen ersten Tribut: Einen Sonnenbrand, den man aber gerne in Kauf nimmt, wenn man nach drei Tagen Regen den ganzen Tag die Sonne vor sich hat.
Grenzenloses Kurvenvergnügen. Die „perfekte“ Kurve
bei Tortoli
Der fünfte Tag führte mich auf das Dach der Insel. Bei der Tour de France wären es 3 Pässe der „Haute Category“. 5 Sterne für den „Perfekt Ride“, es geht nicht mehr besser, nur anders, aber wer will an diesem Tag was Anderes. Doch auch ein Tagesritt mit höchster Erlebnisdichte gibt es nicht umsonst: Bei durchschnittlich 50km/h ist hohes Sitzvermögen auf der 300km langen Rundtour durch den Gennargentu gefordert. Die Sonne knallte vom Himmel, doch es wäre trügerisch zu glauben, dass Ende September auf 1000m und höher eine leichte Bekleidung ausreichen würde. Bereits die Auffahrt nach Lanusei vermittelt einem einen Vorgeschmack auf das, was einen erwartet: Serpentinen, Kurven und Kehren ohne Ende. Aber der Hauptgang sollte nicht länger warten.
Die Fahrt nach Seui kann nicht spektakulärer sein. Es ist wie Achterbahn fahren, nur darf der Gleichgewichtssinn nicht aussetzen! Ständig fragt man sich, warum und wann die Schilder die Kurven anzeigen. Die Strecke besteht nur aus Kurven, sie ist eine einzige große Kurve, wenn man konsequent wäre, müsste an jeder Kurve ein solches Schild stehen. Nur selten zeigt der Tacho mehr als 80km/h an und eigentlich braucht man auch nur den 2. und 3. Gang. Andere Motorradfahrer? Wieder Fehlanzeige, vielleicht mal ein alter Sarde mit seinem Fiat Panda, der plötzlich und unverhofft vor einem steht. Zwischen Sadali und Aritzo ändert sich dann plötzlich der Charakter der Strecke. In der Karte zwar als niedrigrangige Straße eingestuft, erweist sie sich als breite Panoramastraße, die sich hervorragend zum schnellen Cruisen und auch zum kurzen Durchatmen eignet.
Übrigens nach den Straßenkategorien sollte man hier nicht gehen, die sind so schnell überholt, wie jener alte Sarde in den Pandas. Kurz vor Gadoni überquert man eine große Brücke über den Fiume Flumendosa, der den ganzen Gennargentu durchzieht. In Aritzo sollte man pausieren. Peccorino, Salami Sardi, Panino schmecken auch ohne Wein, ein Cafe in der Dorfbar hinterher - von gastfreundlichen Bewohner spendiert – und schon geht es weiter in das Labyrinth des Gennargentu.
Man sollte auf jeden Fall die Strecke über Desulo wählen, die Straße ist frisch geteert und vereint Kurvenspaß, Fahrkultur und Panorama in Perfektion. Einen Abstecher auf den Brunco Spino (1829m), zweithöchster Berg Sardiniens und höchstes Skigebiet Sardiniens lohnt auf jeden Fall. Die „Abfahrt“ war sehr gefährlich, es fand wohl ein Oldtimer-Ralley statt und die Idioten schnitten die Kurven, dass mir manchmal nur wenige Zentimeter der Straße blieben. In Fonni machten sich dann erste Erschöpfungszustände einer Erkältung bemerkbar, so dass ich statt der alten SS 398 die neue Schnellstraße Richtung Lanusei wählte, 160km/h brachten mich schnell zur Abzweigung nach Villagrande.
Zwischen Villagrande und Tortoli ist gerade eine neue Straße fertig gestellt worden, in der Karte noch als „Weg“ ausgewiesen, jetzt eine breite, kurvenreiche und steil abfallende Panoramastraße. Der Leiter des Tiefbauamtes scheint wohl selber begeisterter Biker zu sein. Ein einmaliger Tag neigt sich dem Ende zu, es war die „perfekte Kurve“, ich kenne keine vergleichbare Straße in den Alpen, die sich derart in das Gebirge des Gennargentu schneidet und fräßt wie die SS198 und SS295 sowie die letzte Etappe von Villagrande und Tortoli als großes Finale einer Tour der Superlativen, die Möglichkeiten sind unbegrenzt. So viel perfekte Tage erlebt man selten, und bei dieser Vollkommenheit kann man schon mal Angst bekommen, aber die Gewissheit, dass der nächste Tag zwar auch perfekt, aber anders und wieder neue Überraschungen bringen wird, lässt die „Unerträglichkeit des Glücklich-Seins“ schnell vergessen.
„Straße der Einsamkeit"
Strecke über Villasalto
6 und 7. Tag: Nach einem Transfer- und Ruhetag in Muravera und einem Besuch bei Heinz im Biker Beach Club bei den Torre Salinas ging es über Villasimius (bei unerträglicher Hitze), Cagliari, Dolianova, Villasalto, Escalaplano nach Orroli. Von Muravera kommend nicht den direkten und schnellen Weg nach Villasimius wählen, sondern der Wegweisung zur Küstenstraße der Costa Rei, ein 17 km langer Strand, folgen. Die Vielzahl kleiner Buchten und Strände im Süden Sardiniens gehören zu den Highlights von Sardinien und laden zu einer Abkühlung ein. Natürlich sind die 34 km von Villasimius nach Quartu S’Elena bei Cagliari ein „Muss“ für den Sammler von Küstenstraßen, aber schon nach kurzer Zeit sehnt man sich wieder nach den leeren Straßen in den einsamen Bergen.
Wer nach schweiß treibende Fahrt hinter Feinstaub blasenden Reisebussen noch fest im Sattel sitzt, darf sich ab Diolianova wieder zu den neumodernen Asphalt-Cowboys zählen. Jetzt wird es richtig spannend, es geht steil bergauf, die Transalp muss richtig tief Luft holen, und die Gummis graben sich klebend in die kurvige Bergstraße. Im Rückspiegel nehme ich vorerst Abschied vom Meer.
Wer bei guter Kondition ist, sollte die alte Strecke über Villasalto wählen, danach schlägt die Straße wirklich Salti. Es folgt das einsamste Stück Sardiniens, 100 km keine Bar, keine Tankstelle, keine Pizzeria, kein Supermarkt, es schein als ob die Bergbevölkerung an die Küste von Cagliari abgewandert ist, jetzt bloß kein Panne oder einen Hungerast auf der schlecht asphaltierten Straße. Doch ich komme sicher in Orroli mit dem letzten Tropfen Sprit an.
Bis ich die Unterkunft, das Omio Axiu, gefunden habe, dauert es ein Weilchen. Ein älterer Herr sprach mich an, bot mir seine Hilfe an und wies mir den Weg. Ich erfuhr hier eine Gastfreundschaft und eine Einladung zum Abendessen, die mir in ewiger Erinnerung bleiben wird. Danke Consuela!
„Nuraghen-Straße"
8.Tag: Der nächste Teilabschnitt führte von Orroli über Laconi in das Bergdorf Santa Lussurgiu, Eigentlich müsste man auf dieser 150km langen kulturell und fahrerisch anspruchsvollen Genusstour die eine oder andere Nuraghen-Grabstätte besichtigen, eigentlich..., aber schnell findet man den Kurvenrhythmus, das Adrenalin rauscht langsam durch die Adern, jeder noch so kurze Moment wird zur Ewigkeit, die Zeit bleibt stehen und wer möchte diese ewigen Rausch schon unterbrechen. Zuerst überquert man eine große leicht hügelige Hochebene mit lang gestreckten Kurven, ideal zum entspannten Cruisen, doch schon bald wird die Topographie sehr abwechslungsreicher und das Gelände kopierter.
Immer wieder 2 bis 3fache Kurven, die sehr gut einsehbar sind und an einsamen Bergflanken entlang führen. Zudem weit und breit kein Motorradfahrer, außer die eine oder andere Polizeikontrolle, an denen ich aber mit einem breiten Grinsen vorbeifahren durfte und die lediglich die noch eben überholten Autofahrer anhalten. Und am Ende warten noch zahlreiche kleine Talsperren, die zu umfahren oder über historische Brücke zu überqueren sind. Der Weg ist das Ziel, dachte ich und wieder wurde ich eines Besseren belehrt.
Das Bergdorf Santa Lussurgiu übertraf mein kühnsten Erwartungen, hier ist die Zeit wirklich stehen geblieben, das Leben in dem von antiken Eindrücken geprägten Dorf ist sehr authentisch, sardische Gastfreundschaft, Kultur, Gastronomie vereinen sich an nur einem Ort und im Zentrum liegt die Unterkunft Albergo Diffuso – Antica Dimora del Gruccione, ein kleines Paradies auf Erden, dessen Geheimnis wohl in der Mischung kulinarischer, sinnlicher und aromatischer Erlebnisse liegen dürfte.
Die Besitzerin Gabriella, führt an diesem geheimnisvollen Ort Seminare zum nachhaltigen Öko-Tourismus durch, und verwöhnt jeden Gast im Gewölbekeller des kleinen Schlosses mit einem fürstlich anmutenden sardischen Festessen. An jenem Abend war ich der einzige Fürst und ich war von Peinlichkeit berührt, als zwei Köche mir in einem 5 Gänge Menü landestypischen Spezialitäten servierten. Und am hauseigenen Wein wird auch nicht gespart, der an jenem Abend durch meine Adern floss wie am Tag noch das Adrenalin.
Auch wenn ich oder gerade weil ich vorher nicht wusste, in welchem zauberhaften Ort ich übernachten werden, für mich stand nachher fest, dass die nächsten Besuche nach Santa Lussurgiu und der Albergo Diffusso - Antica Dimora del Gruccione führen werden. Übrigens, wer sich fragt, was ein „Gruccione“ ist, der sollte sich an einem Nachmittag in der Dorfmitte am Hauptplatz vor die kleine und einzige Bar setzen und ein Bionda Sardegna, 66cl für nur 1,80.- Euro bestellen und die Ohren ganz weit auf reißen...
Selbst in den einsamsten Bergdörfern wird man immer die typisch sardische Geselligkeit finden, und wenn es nur der alte Gemüsehändler ist, der mal vor 40 Jahren in Düsseldorf gearbeitet hat und nun versucht, seine letzten Brocken Deutsch anzubringen oder die zahlreichen vor den Tavernen sitzenden Pensionäre, die einen Willkommen heißen oder die durchreisenden Biker grüßen.
„Finale Furioso"
Santulussurgiu
9. Tag: Auf den letzten 150 km von Santa Lussurgio über Bosa nach Alghero erlebte ich das Finale Furioso. Die letzte Etappe meiner Rundreise wird mir in ewiger Erinnerung bleiben. Sowohl die Abfahrt nach Cuglieri als auch die Panoramastraße von Bosa nach Alghero ist hinsichtlich Kurvenspaß und Landschaftserlebnis – vielen Reiseberichten zum Trotz – das Beste, was die Insel zu bieten hat. Ein perfekte Symbiose aller Elemente Sardiniens auf einer Tour: 4 Jahreszeiten an einem Tag zu erleben, der Kontrast zwischen den einsamen Bergen und der besiedelte Küsten, im Rückspiegel die unvergesslichen Erinnerungen der letzten Tage zurückzulassen und gleichzeitig den Blick nach vorne auf das offene, scheinbar unendliche Meer zu richten, den Duft von Rosmarin und Thymian noch in der Nase und den salzige Geschmack des Meers bereits auf der Zunge. Die Vielfalt und Vielzahl der Eindrücke machen Sardinien aus.
Ein kurzer Aufenthalt in Bosa ist Pflicht. Eine Stadt wie aus dem Bilderbuch, bunt, mit kleinen Gassen und herrschaftlichen Häuser. Ich cruise über die mit Palmen bepflanzte Uferpromenade des Temo, gerne würde ich noch la Dolce Vita in den Altstadt von Bosa mitnehmen, doch es wird Zeit für das letzte und schönste 50km lange Teilstück, der Panoramastraße von Bosa nach Alghero.
Der Charakter der hoch über den Steilküsten gut ausgebauten, sehr kurvigen und kaum befahrenen Straße ist vollkommen. Auf dieser Straße sollte man langsam mit den Erlebnissen abschließen, bevor man in die lebendige Stadt Alghero eintrifft, ansonsten erschließt sich die Schönheit von Alghero nicht. Es ist der krasse Gegensatz zu den Vortagen. Viel Verkehr, voll Strände, teure Unterkünfte und Restaurants, am Ende der Saison vorgetäuschte Gastfreundschaft. Es fällt schwer loszulassen, ein kurzer Bummel durch die Altstadt und beim Bier den Sonnenuntergang am Meer genießen oder doch noch ein 50 km langer letzter Abstecher zum Capo Caccia – ich habe mich für letzteres entschieden: Den Ausblick genießen, die vielen netten Menschen Sardiniens ins Herz schließen und den Schlüssel weit weg ins scheinbar unendliche Meer werfen.
Fast wehmütig verbringe ich die letzte, sehr anonyme Nacht in einem der zahlreichen Bed & Breakfast Unterkünfte in der Nähe des Flughafens, am Morgen treffe ich Detlef und übergebe ihm die Transalp, er wirkt teilnahmslos, ja desinteressiert, professionell und hektisch, der nächste Kunde wartet..., erschöpft und doch sehr glücklich steige ich in den Flieger und überquere die Nordküste, in meinen Gedanken plane ich schon die nächste Tour, das Ziel die Ostküste südlich von Oristano mit dem eigenen Bike.
Ich habe mich entschieden - für die Natur, die Berge und ihre schönen Dörfer und die einsamen Küstentrassen. Sardinien Auf Wiedersehen, bis nächstes Jahr!

Riders Paradise - You are Welcome!
Bosa
Alghero
  
 
  [  Home | Unterwegs | Wetter | Urlaubsziel | Übernachten | Wissenswertes | Kulinarisches | Reiseberichte | Notfälle  |
|  Land & Leute | Kultur | Natur | Umwelt | Urlaub auf Sardinien buchen  ]
 
Allgemeine Nutzungsbedingungen der Website
© Sardinieninsel.com   Nachdruck und Weiterverbreitung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung